Lüch up un fleu herut!

„Zuerst lernt der Friesenjunge das Laufen, danach gleich das Klootschießen“, so ein altes plattdeutsches Sprichwort. Anders lässt es sich wohl auch kaum erklären, dass das jahrhundertalte Wurfspiel bis heute beständig ist. Am ersten Märzwochenende forderten die Ostfriesen erstmals nach sechs Jahren den Landesverband Oldenburg zum Feldkampf heraus. Teetied war live dabei und wurde in Stollhamm bis zum letzten Wurf in Atem gehalten.

Klootschießer sind bei ihren Wettkämpfen auf gefrorenen Boden angewiesen. Dies war im März dieses Jahres erstmals seit 2012 der Fall. Dementsprechend heiß waren die Fans auf das Derby. Denn hier geht es nicht nur um den Sport, sondern vielmehr um die Ehre.

Kurz vor neun erreichen wir Stollhamm, ein kleines Dorf der Gemeinde Butjadingen und zugleich der Austragungsort des 27. Feldländerkampfes zwischen Oldenburg und Ostfriesland. Nicht nur die Athleten fiebern dem Anwurf entgegen, auch die rund 1000 Käkler und Mäkler können ihre Anspannung kaum verbergen.


 
Als Käkler und Mäkler werden Zuschauer und Besserwisser bezeichnet, die ihre Mannschaften anfeuern und die Würfe kommentieren. Sie sorgen für einen tosenden Lärm und eine super Stimmung. Wir sind uns sicher, ohne die Käkler und Mäkler hätte der Wettkampf nur halb so viel Spaß gemacht.

Mit Blasmusik und Glockengeläut werden die Nachwuchs- und Elitemannschaften aus Ostfriesland und Oldenburg auf die gefrorene Wiese geführt und um ca. halb zehn geht das Spektakel los. Für jede Mannschaft treten sieben Spieler und drei Ersatzleute an. Wir sind gespannt was uns erwartet und fiebern dem ersten Wurf entgegen. Wir staunen nicht schlecht, als Oldenburg mit 126 Metern vorlegt. Jeder Wurf wird von einem Trompeter mit dem Spielen der jeweiligen „Nationalhymne“ sowie dem Ruf „Lüch up un fleu herut“, was so viel wie „Hebe auf und fliege flach hinaus“ bedeutet, angekündigt.


 
Nach einiger Zeit wird uns klar: beim Klootschießer- Feldkampf kommt es genau auf diese Weisheit an. Die rund sechs Zentimeter dicke, mit Blei ausgegossene Holzkugel, wird von dem Werfer mit einer blitzschnellen Armbewegung von einem Absprungbrett hoch in die Luft geschleudert. Je flacher also der Winkel der in das Feld katapultierten Klootkugel, desto weiter kann sie nach dem Aufschlag noch trüllen (rollen).


 
Damit die Werfer beim Anlauf nicht stolpern, müssen alle Unebenheiten auf der Anlaufstrecke beseitigt werden. Dafür sorgt der sogenannte Düsselmeister.


 
Die Bahnweiser zeigen mit ihren Fahnen und Standarten den Werfern die Wurfrichtung an.


 
Die Unberechenbarkeit jedes einzelnen Wurfes, sorgt bei uns für einen besonderen Nervenkitzel. Nach der Hälfte des Wettkampfes steht für uns fest: die Oldenburger gehen heute als Sieger nach Hause. Teilweise gelingt es dem klar favorisierten Gastgeber einen Vorsprung von bis zu 60 Metern auszubauen. Doch es bleibt spannend. Mit Biss und Nerven aus Blei schaffen es die Ostfriesen bis auf 67 Zentimeter an die Oldenburger ran zu kommen. Gelingt den Herausforderern doch noch die Revanche für 2012?


 
Nach fast neun Stunden Feldwettkampf, der spannender hätte nicht sein können, steht die Entscheidung an. Beim letzten von 28 Würfen muss der Oldenburger Schlusswerfer mindestens 77 Meter weit werfen, um den Sieg einzufahren. Die Spannung steigt. Doch ohne mit der Wimper zu zucken wirft Dirk Schomaker 103 Meter und holt somit den fünften Länderkampf-Sieg in Folge für die Oldenburger.
 

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